Küstenschutz vom Fahrrad aus erklärt
Wer mit dem Fahrrad durch das Wangerland fährt, erlebt eine ungewöhnlich weite und flache Landschaft. Gräben durchziehen Felder und Wiesen. Deiche trennen das Binnenland von Salzwiesen, Watt und Nordsee. Ortsnamen wie Hooksiel, Horumersiel oder Crildumersiel erinnern daran, dass der Umgang mit dem Wasser die Entwicklung der Region über Jahrhunderte bestimmt hat.
Viele dieser Landschaftselemente wirken heute selbstverständlich. Tatsächlich gehören sie zu einem eng verbundenen System aus natürlicher Landschaftsentwicklung, Besiedlung, Eindeichung, Entwässerung und Küstenschutz.
Auch die Küstenlinie ist nicht unverändert geblieben. Rund um Hooksiel, Horumersiel und Schillig liegen Spuren unterschiedlicher Entwicklungsphasen dicht beieinander: Wurten und ältere Deichlinien, historische Sielorte, moderne Entwässerungsanlagen, aufgespülte Flächen, frühere militärische Standorte, neue Häfen und geschützte Naturräume.
Dieser Beitrag erklärt die wichtigsten Zusammenhänge. Er ersetzt keine amtlichen Informationen des NLWKN, der Nationalparkverwaltung oder der zuständigen Deich- und Wasserverbände.
Warum das Wangerland eine Marschlandschaft ist
Als Marsch bezeichnet man eine flache Küstenlandschaft, deren Böden aus Ablagerungen des Meeres und brackiger Gewässer entstanden sind. Zu diesen Ablagerungen gehören besonders feine Bestandteile wie Ton und Schluff, aber auch Sand und organische Bestandteile.
Die Marsch liegt vielerorts nur wenig über dem Meeresspiegel. Damit solche Flächen dauerhaft bewohnt und landwirtschaftlich genutzt werden können, müssen sie vor hohen Wasserständen geschützt und verlässlich entwässert werden. Kennzeichnend sind deshalb nicht nur Deiche, sondern auch ein dichtes Netz aus Gräben, Tiefs, Sielen und Schöpfwerken.
Die Landschaft ist weder vollständig natürlich noch vollständig künstlich geschaffen. Natürliche Ablagerungsprozesse wurden durch Besiedlung, Eindeichung, Entwässerung und Landwirtschaft über viele Jahrhunderte verändert. Diese Verbindung aus Natur und menschlicher Nutzung macht das Wangerland zu einer Kulturlandschaft.
Quelle: NLWKN: Küstenschutz und Deichbau in Niedersachsen
Wie Menschen in der Marsch lebten, bevor es geschlossene Deichlinien gab
Menschen lebten bereits in der Marsch, bevor geschlossene Deichlinien das Land schützten. Sie errichteten Höfe und später ganze Siedlungen auf künstlich erhöhten Wohnhügeln. Im Wangerland werden solche Erhöhungen als Wurten bezeichnet.
Eine Wurt schützte die darauf errichteten Gebäude und ihre Bewohner. Die umliegenden Weiden und Felder konnten jedoch weiterhin überflutet werden. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass sich Besiedlung und Küstenschutz im Wangerland schrittweise entwickelten. Die Wurt Oldorf wurde spätestens in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts angelegt. Neuwarfen war im 9. oder 10. Jahrhundert besiedelt. Wurten wie Wüppels und die Haukenwarf wurden später in wachsende Deichsysteme einbezogen.
Ab dem 11. Jahrhundert entstanden bei Oldorf und Neuwarfen etwa einen Meter hohe Ringdeiche, die größere landwirtschaftlich genutzte Flächen umschlossen. Danach folgten weitere örtliche Schutzlinien und schließlich ein küstenparalleler Winterdeich. Der noch heute erkennbare Altendeich zwischen Hooksiel und Horumersiel stammt wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert.
Der Küstenschutz entstand somit nicht in einem einzigen Bauprojekt. Er entwickelte sich über viele Jahrhunderte:
Wurt – Ringdeich – Abschnittsdeich – zusammenhängende Deichlinie.
Mit geschlossenen Deichen entstand zugleich ein neues Problem: Regen- und Binnenwasser konnte nicht mehr ungehindert in Richtung Meer abfließen. Eine geregelte Entwässerung wurde unverzichtbar.
Wie Sturmfluten die Küstenlandschaft veränderten
Auch Wurten und frühe Deiche konnten schwere Sturmfluten nicht vollständig abhalten. Deichbrüche, Überflutungen und Landverluste veränderten Buchten, Wasserläufe und Siedlungsräume immer wieder.
Besonders bekannt ist die Zweite Marcellusflut vom 15. Januar 1362, die häufig als „Grote Mandränke“ bezeichnet wird. Sie traf weite Teile der südlichen Nordseeküste und veränderte deren Verlauf. Welche einzelne Veränderung im heutigen Wangerland unmittelbar auf genau diese Sturmflut zurückgeht, lässt sich daraus jedoch nicht zuverlässig ableiten.
Die regionale Forschung zeigt vielmehr eine langfristige Entwicklung aus Sturmfluten, natürlicher Verlandung, Besiedlung und schrittweiser Eindeichung. Die Crildumer Bucht bestand bereits seit der vorrömischen Eisenzeit und verlandete im Mittelalter nach und nach.
Quellen: Deutsches Historisches Museum: Sturmfluten an der Nordsee · NIhK: Landschafts- und Besiedlungsgeschichte des Wangerlandes
Warum Deiche mehr sind als aufgeschüttete Erdwälle
Ein Deich ist kein einfacher Erdhügel. Seine Höhe, Breite, Böschungsform, Bodenbeschaffenheit und Grasnarbe müssen zusammenwirken.
Der Küstenschutz beginnt außerdem nicht erst am Deich. Wattflächen, Deichvorland und Salzwiesen können Wellen bremsen und den Deichfuß vor Ausspülungen schützen. Dahinter bildet der Hauptdeich die zentrale Schutzlinie für das Binnenland.
Die erforderliche Höhe eines Hauptdeiches richtet sich unter anderem nach den zu erwartenden Wasserständen und dem möglichen Wellenauflauf. Deiche, Siele und weitere Küstenschutzbauwerke werden regelmäßig geprüft und bei veränderten Anforderungen angepasst. Einen absoluten Schutz vor jedem denkbaren Extremereignis gibt es dennoch nicht.
Auch die Wege am Deich besitzen eine Funktion. Sie dienen der Kontrolle, Unterhaltung und im Ernstfall der Deichverteidigung. Ein Weg, der wie ein gewöhnlicher Wirtschafts- oder Radweg aussieht, kann daher Bestandteil der Küstenschutzanlage sein.
Küstenschutz ist keine einmal abgeschlossene Baumaßnahme. Er ist eine dauerhafte Aufgabe.
Quellen: NLWKN: Küstenschutz und Deichbau in Niedersachsen · NLWKN: Deichvorland und Salzwiesen
Was Klei ist und warum er für den Deichbau gebraucht wird
Klei ist schwerer Marschboden. Er besteht aus einem Gemisch feiner Ton- und Schluffteilchen, Sand sowie organischen Bestandteilen. Seine genaue Zusammensetzung kann sich je nach Entstehungsort unterscheiden.
Feuchter Klei fühlt sich dicht, schwer und klebrig an. Wird geeigneter Klei fachgerecht eingebaut und verdichtet, lässt er Wasser nur langsam hindurch und ist vergleichsweise schwer auszuspülen.
Auch der Name passt zu diesen Eigenschaften. Das Wort Klei ist sprachgeschichtlich mit Begriffen für klebrige Erde verbunden. Es besteht außerdem eine sprachliche Verwandtschaft mit dem englischen Wort clay.
Klei ist der schwere, klebrige Boden der Marsch – ähnlich dem, was im Englischen allgemein als „clay“ bezeichnet wird.
Klei ist jedoch nicht einfach Töpferton. Es handelt sich um einen regionaltypischen Marschboden mit einer bestimmten Zusammensetzung und Entstehung.
Moderne Deiche besitzen häufig einen größeren Kern aus anderem Bodenmaterial und darüber eine schützende Kleiabdeckung. Diese Kleischicht dichtet den Deichkörper ab und schützt ihn vor Wellenangriff und Ausspülung. Nicht jeder Klei ist dafür gleich gut geeignet. Enthält er zu viel Sand, ist er weniger widerstandsfähig und kann leichter erodieren.
Quellen: NLWKN: Dem wertvollen Klei auf der Spur · NLWKN: Deichbau am Elisabethgrodendeich
Warum die Grasnarbe so wichtig ist
Über der Kleischicht wächst eine möglichst dichte und geschlossene Grasnarbe. Sie ist keine bloße Begrünung für ein gepflegtes Landschaftsbild, sondern ein Teil des Schutzbauwerks.
Die Wurzeln halten die oberste Bodenschicht zusammen. Das Gras schützt die Oberfläche vor Regen, ablaufendem Wasser und Wellen. Kahle Stellen, tiefe Fahrspuren oder abgestorbene Grasflächen können Angriffspunkte für Erosion schaffen.
Der Aufbau lässt sich vereinfacht so beschreiben:
- Der Deichkörper gibt dem Bauwerk seine Form und Masse.
- Der Klei bildet eine dichte, schwer ausspülbare Außenschicht.
- Die Grasnarbe schützt die Oberfläche des Kleis.
Welche Rolle die Schafe auf dem Deich spielen
Die Schafe auf dem Deich gehören nicht nur zum typischen Bild der Nordseeküste. Sie übernehmen eine Aufgabe bei der Deichpflege.
Durch ihren regelmäßigen Verbiss halten sie das Gras kurz und gleichmäßig. Dadurch werden hochwachsende Pflanzen begrenzt und eine dichte Grasnarbe gefördert.
Auch ihre kleinen Hufe tragen zur Pflege der Oberfläche bei. Sie treten die Grasnarbe an und helfen, kleinere Unebenheiten zu schließen. Die Schafe verdichten dabei nicht den gesamten Deichkörper. Sie pflegen vor allem die bewachsene Oberfläche.
Die Tiere ersetzen keine Deichkontrolle, Reparatur oder technische Unterhaltung. Sie sind ein sichtbarer Bestandteil eines umfassenderen Pflegesystems.
Quelle: NLWKN: Deichunterhaltung nach den Sturmfluten der 1960er-Jahre
Was ein Siel macht und warum viele Küstenorte „Siel“ heißen
Ein Siel ist ein verschließbarer Durchlass durch einen Deich. Es ermöglicht, Wasser aus dem Binnenland nach außen abzuführen, ohne bei hohem Außenwasserstand unkontrolliert Meerwasser ins Land eindringen zu lassen.
Ist der Wasserstand auf der Seeseite niedrig genug und liegt das Binnenwasser höher, kann das Wasser durch das geöffnete Siel nach außen fließen. Dieser Vorgang wird Sielzug genannt.
Steigt das Außenwasser wieder an, schließen die Sieltore beziehungsweise werden geschlossen. Reicht das natürliche Gefälle nicht aus, können Pumpen in einem Schöpfwerk das Wasser anheben.
An solchen Übergängen entstanden vielerorts Hafen-, Handels- und Siedlungsplätze. Die Siele verbanden das Binnengewässernetz mit der Küste und dienten gleichzeitig der Entwässerung und teilweise der Schifffahrt.
Ortsnamen wie Hooksiel oder Horumersiel erinnern bis heute an diese Geschichte. Die Namensendung bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das historische Siel eines Ortes noch heute verwendet wird.
Quelle: NLWKN: Durchgängigkeit und Vernetzung von Küsten- und Binnengewässern
Wie Wasser aus dem Wangerland ins Meer gelangt
Das Wasser aus der Marsch sammelt sich in Gräben, Tiefs und weiteren Binnengewässern. Von dort wird es zur heutigen Entwässerungsachse geführt.
Für die großräumige Entwässerung des Wangerlands arbeiten das Schöpfwerk Hohenstiefersiel, der Speicherpolder und das Wangersiel bei Horumersiel zusammen.
Das Wangersiel liegt in der heutigen Hauptdeichlinie. Rund 1,3 Kilometer landeinwärts befindet sich das Schöpfwerk Hohenstiefersiel, das auch als Schöpfwerk Wangerland bezeichnet wird. Zwischen beiden Bauwerken liegt ein ungefähr zwei Kilometer langer Speicherpolder.
Bei günstiger Tide
Ist der Außenwasserstand niedrig genug, kann das Wasser durch das Wangersiel nach außen abfließen. Pumpen werden dafür nicht benötigt. Das Wasser folgt dem natürlichen Höhenunterschied.
Bei ungünstigem Außenwasserstand
Ist der Außenwasserstand zu hoch, bleibt das Wangersiel geschlossen. Gleichzeitig kann nach starken Niederschlägen weiterhin viel Wasser aus dem Binnenland anfallen.
Dann pumpt das Schöpfwerk Hohenstiefersiel das Wasser in den Speicherpolder. Dort wird es zwischengespeichert, bis der Außenwasserstand wieder niedrig genug ist. Anschließend kann es durch das Wangersiel abfließen.
- Schöpfbetrieb: Wasser wird mit Pumpen in den Speicherpolder gehoben.
- Sielbetrieb: Das zwischengespeicherte Wasser fließt bei geeigneter Tide durch das Wangersiel nach außen.
Quelle: NLWKN: Durchgängigkeit und Vernetzung von Küsten- und Binnengewässern
Hooksiel: vom Sielhafen zum Hafen hinter der neuen Deichlinie
Am Alten Hafen in Hooksiel ist das historische Sieltor noch erhalten. Es erinnert daran, dass der Ort früher unmittelbar an einer Sielverbindung zwischen dem Hooksieler Tief und dem Küstengewässer lag.
Das historische Siel ist heute geschlossen und wird nicht mehr für die Entwässerung des Wangerlands genutzt. Das dahinterliegende Hooksieler Tief ist an das Binnengewässernetz angeschlossen, das zum Wangersiel führt.

Mit der Eindeichung und Aufspülung neuer Flächen sowie dem Bau des Hooksmeers, des Außenhafens und der Seeschleuse änderte sich die Lage des Alten Hafens zur Nordsee grundlegend.
Das Hooksmeer ist ein künstlich entstandenes Binnengewässer. Es liegt hinter der neuen Deichlinie und steht über die Seeschleuse mit dem tideabhängigen Außenhafen in Verbindung.
Die 1975 errichtete Seeschleuse ist Teil der heutigen Deichlinie. Sie ermöglicht Booten und Schiffen die Durchfahrt, regelt den Wasseraustausch zwischen Nordsee und Hooksmeer und kann zur örtlichen Entwässerung beitragen.
Seitdem liegt der Alte Hafen hinter der Schleuse. Sein Wasserstand wird nicht mehr unmittelbar durch jede Ebbe und Flut bestimmt. Der Außenhafen bleibt tideabhängig, während Hooksmeer und Alter Hafen von der offenen Nordsee getrennt sind.
Quellen: NLWKN: Küsten- und Binnengewässer · NPorts: Seeschleuse Hooksiel
Wie sich die Küstenlinie bei Hooksiel verändert hat
Die Sturmflut vom Februar 1962 war für den Küstenschutz an der deutschen Nordseeküste ein bedeutender Einschnitt. In den folgenden Jahren wurden Deiche und Schutzsysteme umfassend überprüft und ausgebaut.
Die konkreten Landschaftsveränderungen bei Hooksiel hatten jedoch nicht nur eine Ursache. Küstenschutz, Industrie-, Hafen- und Freizeitplanung wirkten zusammen.
Zur Entwicklung Hooksiels gehörte auch die Freizeitnutzung am damaligen Strand. Im Jahr 1962 entstand dort ein mit Meerwasser gefülltes Freibad. Das Gebäude „Die Muschel“ wurde 1965 eröffnet und wird heute als Café am Hooksmeer genutzt. Erhaltene Startblöcke erinnern noch an das frühere Schwimmbecken.

In den 1970er-Jahren wurden Wattflächen zwischen Hooksiel und Wilhelmshaven eingedeicht und aufgespült. So entstanden neue Flächen hinter einer weiter außen verlaufenden Deichlinie. Der Voslapper Groden und das Hooksmeer gehören zu dieser neu geschaffenen Landschaft.
Damit liegen heute mehrere Entwicklungsphasen nebeneinander:
- der historische Sielort mit dem Alten Hafen,
- das Hooksieler Tief,
- das Hooksmeer hinter der neuen Deichlinie,
- der Außenhafen mit Seeschleuse,
- aufgespülte Freizeit- und Industrieflächen,
- sowie Watt und Küstenlandschaft außerhalb der Deiche.
Eine historische Karte macht die Veränderung besonders deutlich. Auf der Königlich Preußischen Landesaufnahme „Hooksiel“, aufgenommen 1892 und herausgegeben 1893, liegt der Alte Hafen noch direkt an der damaligen Küstenlinie. Hooksmeer, Außenhafen, Seeschleuse und die später aufgespülten Flächen sind noch nicht vorhanden.
Beim Vergleich mit heute lohnt sich nicht nur der Blick auf die Küstenlinie zwischen Schillig, Horumersiel, St. Joost und Hooksiel sowie auf die damals eingezeichneten Groden. Die Karte zeigt auch historische Siel- und Hafenplätze, deren frühere Funktion heute kaum noch zu erkennen ist. Dazu gehören Hohenstiefersiel und Crildumersiel. Besonders auffällig ist das frühere Inhausersiel: Der Ort ist heute nicht mehr vorhanden; der Küstenraum südöstlich von Hooksiel wurde später durch Hafen-, Aufspülungs- und Industrieflächen grundlegend überformt. Rund um Hooksiel fehlen auf der historischen Karte zugleich Hooksmeer, Außenhafen, Seeschleuse und die später aufgespülten Flächen vollständig.
Tipp für den Kartenvergleich: Suche von Norden nach Süden Schillig, Horumersiel, Hohenstiefersiel, Crildumersiel, Hooksiel und Inhausersiel. Gerade an diesen Orten lässt sich erkennen, wie stark sich Küstenlinie, Entwässerung und Hafenstruktur seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verändert haben.

Und wie sieht derselbe Küstenraum heute aus?
Horumersiel, St. Joostergroden, Crildumersiel und Hooksiel lassen sich auf der aktuellen Karte noch gut wiederfinden. Gleichzeitig wird sichtbar, wie stark sich Küstenlinie, Entwässerung und Nutzung verändert haben. Rund um Hooksiel liegen heute Hooksmeer, Außenhafen und aufgespülte Flächen dort, wo die Landesaufnahme von 1892 noch einen anderen Küstenverlauf zeigt. Besonders deutlich ist der Wandel weiter südlich: Inhausersiel, auf der historischen Karte noch als Siel- und Hafenort erkennbar, existiert heute nicht mehr. Der frühere Küstenraum wurde durch die spätere Hafen- und Industrieentwicklung grundlegend überformt.

Quellen: NLWKN: Rückblick auf die Sturmflut 1962 · NLWKN: Voslapper Groden-Süd · SLUB/Deutsche Fotothek: Messtischblatt Hooksiel
Horumersiel: Kolk, Sielhafen und heutiges Wangersiel
Auch Horumersiel verdankt seinen Namen und einen wesentlichen Teil seiner Entwicklung der Lage an einem Siel. Ein besonders sichtbares Zeugnis der regionalen Küstengeschichte ist der Horumersieler Kolk.
Ein Kolk ist eine tiefe Ausspülung, die entstehen kann, wenn bei einem Deichbruch große Wassermengen mit hoher Geschwindigkeit durch die entstandene Öffnung strömen. Das Wasser reißt Bodenmaterial mit und gräbt hinter oder neben dem Deich eine tiefe Mulde aus. Bleibt diese nach der Reparatur des Deiches mit Wasser gefüllt, entsteht ein dauerhaftes Gewässer.
Der Horumersieler Kolk entstand während der Weihnachtsflut von 1717. Die Sturmflut traf in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember weite Teile der Nordseeküste und verursachte zahlreiche Deichbrüche. Der Kolk zeigt bis heute, dass eine Sturmflut nicht nur Gebäude und Deiche zerstören, sondern die Landschaft dauerhaft verändern kann.
Der frühere Horumersieler Sielhafen war nicht nur für die Entwässerung wichtig. Über ihn wurden auch landwirtschaftliche Erzeugnisse und andere Waren umgeschlagen. Daran erinnert ein 1846 in der Nähe des alten Hafens errichteter Kornspeicher.
Auch die Geschichte der Seenotrettung ist eng mit Horumersiel verbunden. Bereits 1866 bestand dort eine Rettungsstation. Der alte Horumersieler Sielhafen existiert heute nicht mehr. Der heutige Hafen Wangersiel liegt etwas weiter südlich in der Hauptdeichlinie. Die Seenotrettungsstation arbeitet heute von dort aus.
- Der Kolk erinnert an den Deichbruch während der Weihnachtsflut von 1717.
- Der historische Sielhafen steht für Entwässerung, Schifffahrt und Warenumschlag.
- Das heutige Wangersiel ist Teil des modernen Entwässerungssystems.
- Hafen und Seenotrettung führen die maritime Geschichte des Ortes fort.
Quellen: NDR: Weihnachtsflut 1717 · Gemeinde Wangerland: Horumersieler Kolk · DGzRS: Station Horumersiel · Denkmalatlas Niedersachsen: Kornspeicher Horumersiel
Schillig: Küstenverteidigung und Neubeginn nach 1945
Schillig wurde nicht nur durch Deich, Strand und Wattenmeer geprägt. Die Lage an der Zufahrt zur Jade und damit zum Marinestandort Wilhelmshaven verlieh dem Ort auch eine militärische Bedeutung. In und bei Schillig entstanden Anlagen und Unterkünfte für die Küstenverteidigung.
Wie dieser Küstenraum großräumig zusammenhing, zeigt das Kartenblatt „Wilhelmshaven“ von 1909. Es umfasst die Jade mit Wilhelmshaven, Teile des Wangerlands, Jever und Butjadingen. Für den Vergleich mit heute ist besonders die damalige Küsten- und Wattstruktur interessant; die Karte dient hier zur räumlichen Einordnung des Wangerlands an der Jade.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren die militärischen Unterkünfte ihre ursprüngliche Aufgabe. In Schillig wurden Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen. Im Jahr 1946 kamen unter anderem Menschen aus Oberschlesien in den Ort.
Viele der Neuankömmlinge waren katholisch. Dadurch entstand im überwiegend evangelisch geprägten Wangerland wieder eine katholische Gemeinde. Diese Entwicklung gehört bis heute zur Ortsgeschichte Schilligs.
Schillig steht damit für mehrere aufeinanderfolgende Entwicklungen: militärische Küstenverteidigung, Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen, religiöser Neubeginn und spätere zivile Nutzung.
Quellen: Oldenburgische Landschaft: Erinnerungsorte von Flucht und Vertreibung · Nationalparkverwaltung: 30 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer · SLUB/Deutsche Fotothek: Kartenblatt Wilhelmshaven 1909
Der Elisabethgrodendeich zwischen Schillig und Harlesiel
Nördlich von Schillig beginnt ein weiteres bedeutendes Kapitel des modernen Küstenschutzes im Wangerland: der Elisabethgrodendeich.
Der rund zwölf Kilometer lange Deichabschnitt verläuft zwischen Schillig und Harlesiel. Der III. Oldenburgische Deichband beschloss 1995, ihn zu erhöhen und zu verstärken. Das Gesamtprojekt wurde 2018 abgeschlossen.
Warum der Deich verstärkt werden musste
Der Deich entsprach nicht mehr den erforderlichen Abmessungen. Nach Angaben des NLWKN war er im Durchschnitt ungefähr einen Meter und in einzelnen Bereichen bis zu 1,65 Meter zu niedrig.
Außerdem war die vorhandene Kleidecke zu sandig und dadurch erosionsgefährdet. Ein seeseitiger Deichsicherungs- und Teekräumweg fehlte ebenfalls.
Was Teek mit der Deichsicherheit zu tun hat
Bei Sturmfluten werden Pflanzenreste und weiteres organisches Material aus dem Deichvorland an den Deich gespült. Dieses angeschwemmte Material wird an der Küste Teek genannt.
Bleibt eine dicke Teekschicht längere Zeit auf dem Deich liegen, erhält das darunterliegende Gras zu wenig Licht und Luft. Die Grasnarbe kann geschädigt werden oder absterben. Dadurch verliert der Deich einen Teil seiner schützenden Oberfläche.
Ein Teekräumweg ist daher kein gewöhnlicher Weg. Er ermöglicht, den Deich zu kontrollieren und große Mengen angeschwemmten Materials zu entfernen.
Woher der benötigte Klei kam
Für die Verstärkung wurden große Mengen geeigneten Kleis benötigt. Ein wesentlicher Teil wurde auf einer Fläche nördlich von Hohenkirchen gewonnen. Weitere Mengen kamen aus ausgewählten Flächen im geschützten Deichvorland.
Die Entnahme im Deichvorland wurde zwischen Nationalparkverwaltung, Landkreis und Deichband abgestimmt. Bei der Auswahl der Flächen sollten sowohl die Anforderungen des Deichbaus als auch die Belange des Nationalparks berücksichtigt werden.
Welche Verbindung zum Wangermeer besteht
Auf dem früheren Kleiabbaugebiet nördlich von Hohenkirchen wurde anschließend das Wangermeer entwickelt.
Das heutige Gewässer steht damit in direkter Verbindung zur Verstärkung des Elisabethgrodendeichs. Es zeigt, dass eine Küstenschutzmaßnahme nicht nur den Deich selbst verändert. Auch die Gewinnung des Baumaterials kann die Landschaft weit hinter der Deichlinie neu prägen.
Quelle: NLWKN: Deichbau am Elisabethgrodendeich im Wangerland
Küstenschutz und Naturschutz – kein einfacher Gegensatz
Vor dem Deich liegen vielerorts Salzwiesen. Sie sind Lebensraum für spezialisierte Pflanzen sowie Brut-, Rast- und Nahrungsraum für zahlreiche Vogelarten.
Gleichzeitig können Salzwiesen und Deichvorland den Wellenangriff auf den Hauptdeich verringern. Sie schützen den Deichfuß vor Ausspülungen und bremsen Wellen, bevor diese auf den Deich treffen. Naturraum und Küstenschutz greifen hier ineinander.
Gemeinsame Interessen bedeuten jedoch nicht, dass jede Küstenschutzmaßnahme automatisch dem Naturschutz dient. Deichunterhaltung, Bodenentnahme, Entwässerung, Beweidung und Besucherlenkung können unterschiedliche Auswirkungen haben.
Beim Elisabethgrodendeich musste geeigneter Klei gewonnen werden, während mögliche Entnahmeflächen zugleich im geschützten Deichvorland lagen. Die beteiligten Stellen stimmten deshalb Flächenauswahl und spätere Entwicklung der Abbauflächen miteinander ab.
Küstenschutz und Naturschutz sind somit weder grundsätzlich Gegensätze noch automatisch dasselbe. Sie müssen bei jeder konkreten Maßnahme gemeinsam betrachtet werden.
Wie diese Küstenlandschaft im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer geschützt ist, welche Rolle Salzwiesen, Schutzzonen und Vogelrastgebiete spielen und was du davon vom Fahrrad aus entdecken kannst, erkläre ich ergänzend im Ratgeber „Nationalpark Wattenmeer im Wangerland – was du vom Fahrrad aus entdecken kannst“.
Quellen: NLWKN: Deichvorland und Salzwiesen · Nationalparkverwaltung: Naturschutz an der Küste
Was du auf einer Radtour davon erkennen kannst
Am Alten Hafen in Hooksiel
Das historische Sieltor, das Hafenbecken und das Hooksieler Tief erinnern an die frühere Verbindung von Entwässerung, Schifffahrt und Ortsentwicklung. Der weitgehend tideunabhängige Wasserstand zeigt zugleich, dass der Hafen heute hinter einer neuen Deich- und Schleusenlinie liegt.
Am Hooksmeer und Außenhafen
Zwischen dem historischen Ortskern und der heutigen Nordseeküste lässt sich erkennen, wie weit die Küstenlinie nach außen verlagert wurde. Die Seeschleuse trennt das Hooksmeer vom tideabhängigen Außenhafen.
Am Horumersieler Kolk
Der Kolk zeigt bis heute die Wirkung eines historischen Deichbruchs. Das bei der Weihnachtsflut 1717 einströmende Wasser spülte den Boden tief aus und hinterließ ein dauerhaftes Gewässer.
Am Schöpfwerk Hohenstiefersiel
Das Schöpfwerk macht sichtbar, wie Binnenwasser bei ungünstigen Außenwasserständen in den Speicherpolder gehoben wird.
Zwischen Hohenstiefersiel und Horumersiel
Der Speicherpolder bildet einen Puffer zwischen Schöpfwerk und Wangersiel. Er nimmt Wasser auf, bis ein Abfluss zur Nordsee wieder möglich ist.
Am Wangersiel
Hier gelangt das Wasser bei geeigneter Tide durch die heutige Hauptdeichlinie nach außen. Gleichzeitig ist der Hafen heute Standort der Horumersieler Seenotretter.
In Schillig
Schillig erinnert an die militärische Bedeutung der Küstenlage und an den gesellschaftlichen Neubeginn nach 1945. Die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen veränderte den Ort und führte zur Entstehung einer neuen katholischen Gemeinde.
Am Wangermeer
Das Gewässer erinnert daran, dass auch ein Landschaftselement weit hinter dem Deich unmittelbar mit einer Küstenschutzmaßnahme verbunden sein kann.
Auf und vor dem Deich
Kleidecke, Grasnarbe, Schafe, Unterhaltungswege und Teekräumung gehören zu einem gemeinsamen Pflegesystem. Salzwiesen, Lahnungen und Deichvorland zeigen zugleich, wie Naturschutz und Küstenschutz räumlich ineinandergreifen.
Das Thema auf der Tour „Nationalpark & Küstenschutz“
Auf meinen geführten Radtouren „Nationalpark & Küstenschutz“ ab Hooksiel und ab Horumersiel geht es um die Küstenlandschaft, die Deiche und das Leben mit dem Wasser.
Dabei betrachte ich die Bauwerke und Orte nicht isoliert. Entscheidend sind ihre Zusammenhänge:
- Warum braucht die Marsch eine geregelte Entwässerung?
- Warum ist ein grüner Deich ein technisches Schutzbauwerk?
- Welche Aufgaben übernehmen Klei, Grasnarbe und Schafe?
- Wie arbeiten Schöpfwerk, Speicherpolder und Wangersiel zusammen?
- Warum ist der Alte Hafen in Hooksiel heute nicht mehr unmittelbar tideabhängig?
- Wie wurde die Küstenlinie rund um Hooksiel verändert?
- Wie entwickelte sich Horumersiel vom historischen Sielhafen zum heutigen Wangersiel?
- Warum hatte Schillig eine militärische Bedeutung?
- Wie veränderte die Ankunft von Flüchtlingen und Vertriebenen den Ort?
- Wie können Salzwiesen zugleich Naturraum und Teil des Küstenschutzes sein?
Welche Orte und Bauwerke an einem konkreten Termin einbezogen werden, richtet sich nach Route, Wetter, Gruppe und Situation vor Ort. Nicht jeder in diesem Artikel genannte Ort ist daher automatisch Bestandteil jeder Tour.
Häufige Fragen
Was ist Marschland?
Marschland ist eine flache Küstenlandschaft, deren Böden überwiegend aus feinen Ablagerungen des Meeres und angrenzender Gewässer entstanden sind. Deiche schützen das Land vor hohen Außenwasserständen; Gräben, Siele und Schöpfwerke sorgen für die Entwässerung.
Was ist eine Wurt?
Eine Wurt ist ein künstlich aufgeschütteter Wohnhügel in der Marsch. Bevor es geschlossene Deichlinien gab, wurden einzelne Höfe und später ganze Siedlungen auf solchen erhöhten Plätzen errichtet.
Was ist Klei?
Klei ist schwerer Marschboden aus Ton, Schluff, Sand und organischen Bestandteilen. Feucht ist er dicht und klebrig. Verdichtet bildet geeigneter Klei eine schwer ausspülbare Schutzschicht für Deiche. Das Wort ist sprachgeschichtlich mit dem englischen clay verwandt.
Was ist der Unterschied zwischen einem Deich und einem Siel?
Der Deich schützt das dahinterliegende Land vor hohen Wasserständen und Sturmfluten. Das Siel ist ein kontrollierbarer Durchlass durch den Deich. Durch ihn kann Wasser bei geeignetem Außenwasserstand aus dem Binnenland nach außen fließen.
Warum reicht ein Siel manchmal nicht aus?
Ein Siel benötigt ein ausreichendes Gefälle. Ist der Außenwasserstand zu hoch, bleibt es geschlossen. Dann kann ein Schöpfwerk das Binnenwasser mit Pumpen anheben und zunächst in einem Speicherpolder sammeln. Sobald der Außenwasserstand sinkt, kann es durch das Siel abfließen.
Warum ist Gras auf dem Deich wichtig?
Die Grasnarbe schützt die Oberfläche des Deiches. Ihre Wurzeln halten den Boden zusammen und begrenzen Ausspülungen.
Warum stehen Schafe auf dem Deich?
Schafe halten das Gras kurz und fördern eine dichte Grasnarbe. Ihre kleinen Hufe pflegen die bewachsene Oberfläche. Sie sind damit ein Bestandteil der Deichunterhaltung, ersetzen aber keine Kontrollen und Reparaturen.
Was ist Teek?
Teek besteht überwiegend aus Pflanzenresten und anderem organischen Material, das bei Sturmfluten aus dem Deichvorland an den Deich gespült wird. Bleibt eine dicke Schicht liegen, kann die darunterliegende Grasnarbe geschädigt werden.
Was ist ein Kolk?
Ein Kolk ist eine tiefe Ausspülung, die durch stark strömendes Wasser entstehen kann. Beim Horumersieler Kolk spülte das bei der Weihnachtsflut von 1717 durch einen Deichbruch einströmende Wasser den Boden tief aus.
Wird das historische Sieltor in Hooksiel noch verwendet?
Das historische Siel am Alten Hafen ist geschlossen und gehört nicht mehr zum heutigen Entwässerungssystem des Wangerlands. Diese Entwässerung erfolgt über Schöpfwerk Hohenstiefersiel, Speicherpolder und Wangersiel.
Warum ist der Alte Hafen nicht mehr von Ebbe und Flut abhängig?
Der Alte Hafen liegt heute hinter dem Hooksmeer und der Seeschleuse am Außenhafen. Die Schleuse trennt den Binnenbereich vom unmittelbar tideabhängigen Außenhafen.
Ist das Wangermeer ein natürlich entstandener See?
Das heutige Wangermeer wurde auf einer Fläche entwickelt, auf der zuvor Klei für die Verstärkung des Elisabethgrodendeichs gewonnen worden war. Seine Entstehung ist daher unmittelbar mit dieser Küstenschutzmaßnahme verbunden.
Kann ein Deich jeden Sturm sicher abhalten?
Deiche werden nach festgelegten Bemessungsgrundlagen gebaut, regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf verstärkt. Einen absoluten Schutz vor jedem denkbaren Extremereignis gibt es dennoch nicht.


